2020

Lieber Gott,

hier ist Marla. Du weißt schon: die Zwölfjährige, die dich neuerdings jeden Tag mit Gebeten nervt. Ich schreibe dir jetzt mal einen Brief, weil ich verzweifelt bin und deine Hilfe brauche. Eigentlich braucht die ganze Welt deine Hilfe. Es ist vieles geschehen, was ich nicht verstehe. Ich brauche dich. Wir alle brauchen dich.

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Das Netz

Ich muss dir zeigen, was ich tue,
du musst es sehen,
und erst wenn dein Daumen hoch geht,
war es schön.

Wo ich war am heutigen Tag,
ich zeig es dir.
Du sollst es wissen,
auch wenn du fragst, wofür.

Und was es heut zum Essen gab,
davon gibt’s ’n Bild,
schau es an und find es gut,
bis dein Aug‘ anschwillt.

Heute schrieb ich: „Mir geht’s schlecht“,
du hast nichts kommentiert,
nun weiß ich, wie es ist,
wenn man ’nen Freund verliert.

Der freie Mann

Der freie Mann sprach:

„Man sagte mir einst, ich sei ein Sklave. Welch Schwachsinn! Ich bin ein freier Mann! Ich darf denken, was ich will, sagen, was ich will, mich frei bewegen – wie soll ich denn da ein Sklave sein?“

Das sagte er. Und er glaubte scheinbar auch daran.

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Stigma

Mein kleiner Junge von nicht einmal sieben Jahren verließ sich gänzlich auf das Halten meiner Hand, als wir über den Gehweg gingen, um die Eisdiele zu besuchen. Es hätte ein solch unbeschwertes, kurzweiliges Vergnügen werden können, wären wir nicht Zeuge eines Unfalls geworden.

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Der Teufelskreis

Mit unscheinbar stillen Schritten begab er sich auf seinen wöchentlichen Spaziergang durch die noch ruhige Innenstadt. Morgendlicher Dunst und der Geruch des frischen Frühlings ließ seine Sinne hoffnungsvoll werden. Sollte heute denn etwa alles anders sein?

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Angst

Nachdem er auf die Klingel drückte, war ihm danach, wegzurennen, so wie früher beim Klingelstreich. Doch nun war er 40 Jahre alt und kein Kind mehr, jedoch zitterte er wie eines. In ihm tobte es, als würden Wellen an seinem Selbstwert brechen und ihn dann ins offene Meer ziehen wollen, ohne Sicherheit, ohne Chance aufs Überleben. (mehr …)

Herbstaufstand

Ende September begannen die Blätter zu fallen, um allmählich den Herbst einzuläuten. Die Wolken wurden grauer, die Straßen nasser, und auf einer Allee stand ein Baum, der sich von seinem braun gewordenen Blattwerk trennte, das durch die Feuchtigkeit fast wie Blei auf den Boden traf. Einhundert Blätter verlor dieser Baum an einem Tag, während eines dieser Blätter ein gänzlich anderes Schicksal erwartete, als es bei den anderen der Fall war.

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Die Kunde

Der Unkundige fragt den Kundigen nach dem Weg. Doch der Kundige kennt nur eine Antwort: „Ich weiß es nicht“, was der Unkundige doch oft missversteht und folglich und andauernd in seine eigene Sackgasse geht. Manchmal vergehen Jahre, bis dann doch die Antwort steht und der Unkundige zum Kundigen wird und dieselbe Antwort weitergibt.