Ein kurzer dumpfer Moment

Der Saal war prall gefüllt, das Stück auf der Bühne in vollem Gange. Gebannt versank die Menge im fiktiven Spiel, das die Bühne leben ließ. Es entstanden zwei Welten: die der stillen Beobachter im dunklen Raum und die der farbenfrohen Lebendigkeit im Schein der Werfer. Bis zu dem Moment, als jemand in der Dunkelheit die Seiten wechselte und lebendig wurde. Es war ein Kind, nicht einmal im Schulalter, das in der ersten Reihe saß und immer stärkere Laute von sich gab. Rufe, Gelächter und unverständliches Gemurmel tönten aus seinem Munde. Von außen schien es niemanden zu stören, so als hätte man es als gegeben hingenommen. Es vergingen einige Minuten, bis das kindliche Lied des Lebens lauter wurde.

Und da geschah es zum ersten Mal: Einer der Künstler ließ sich für einen kurzen Moment aus dem Spiel reißen. Und jeder wusste sofort, woran es lag. Doch ließ man sich weiterhin wenig anmerken, wie es schien. Da geschah es erneut. Ein weiterer Akteur verlor den Faden mitten im Satz. In den Reihen der Zuschauenden begann das erste Murmeln. Aber es wurde wieder ruhiger, denn auch das Kind wurde ruhiger. Zumindest für einen Moment. Bis es dann doch noch passierte: Das Kind schrie. Es schrie so laut, dass sämtliche Künstler aus dem Spiel gerieten und auch das Publikum Wellen des Unmuts verbreiteten. Und es blieb eine ganze Weile so: Unruhig, chaotisch. Niemand vermochte etwas zu tun. Niemand hatte die einschlagende Idee.

Bis zu diesem Moment, in dem ein Mann aus den hinteren Reihen in die erste stampfte. Ohne zu zögern griff der die Kindesbeine mit den Händen und schlug den Kopf des Schreihalses so oft gegen das Holz der Bühne, bis es still war. Und tot. Und der Mann ließ ab vom jungen Körper und ging erleichtert zu seinem Platz zurück. Es war einen Augenblick lang still. So still, dass ein Friedhof vor Neid erblasst wäre. Jedoch hielt die Ruhe nicht lange an. Die Zuschauer und auch die Schauspieler applaudierten dem Mörder zum Dank. Und aus der Trennung von Bühne und Loge wurde letztlich eine Einheit, die zusammen in lebendiger Dankbarkeit mündete. Und als das Spiel zuende war, so gingen alle Besucher und Akteure mit einer größeren Erleichterung nach Haus als noch bei ihrer Ankunft.