Martha

Der alte Mann betrat das Zimmer, mit Rosen in der Hand. „Hallo Martha, Liebes! Schau mal, ich habe dir Blumen mitgebracht“, sagte er mit seiner brüchigen Stimme. Er sah in Marthas verschlafene Augen. „Oh, hallo, Liebster.“, entgegnete sie, während sie ihre zittrige Hand langsam nach ihm ausstreckte. “Ich danke dir. Du warst schon immer ein echter Gentleman.“ Ihr müder Mund erwachte zu einem kleinen Lächeln.

Er stellte die Rosen in eine Vase, setzte sich auf den Stuhl neben ihr und berührte ihre Hand, ganz sanft. „Wie geht es dir heute? Sind die anderen gut zu dir?“, fragte er. „Du weißt ja, ich mache mir immerzu Sorgen um dich.“ – „Ach, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie lieb und freundlich hier alle sind. Ich fühle mich wirklich geborgen, und ich habe auch schon lange keine Schmerzen mehr.“ Seine vom Wind feucht gewordenen Augen wurden zu einem Strahlen. „Das ist schön, mein Liebes, das ist schön. Du bist hier gut aufgehoben, wie mir scheint.“
Sie nickte leicht, doch ihr Lächeln trug auch ein wenig Traurigkeit in sich. „Was ist los, mein Liebes? Hast du etwas auf dem Herzen? Du weißt doch, du kannst mir alles sagen, möge es noch so abwegig erscheinen.“ Martha seufzte. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es dir sagen soll. Seit Wochen kommst du her, jeden Tag. Ich freue mich auf deine Besuche, keine Frage. Aber denkst du überhaupt noch an dich selbst?“ Sie richtete sich ein Stück auf. „Ist es nicht langsam an der Zeit, dass du loslässt?“

Aus seinem Strahlen wurde Dunkelheit. „Dich loslassen? Aber warum denn? Ich möchte doch bei dir sein, so lange ich kann. Warum sollte ich das tun?“ Martha schloss ihre alten Augen kurz, sie seufzte erneut, während sie in Richtung Fenster sah. „Weil ich will, dass es auch dir gut geht und dass es mit dir weitergeht. Und solange du jeden Tag herkommst, geht das einfach nicht. Verstehst du?“ Er runzelte die Stirn und senkte den Kopf, wie eine Blume, die nach Wasser durstet. „Ich will dich nicht loslassen, solange du hier bist. Ich liebe dich. So begreif das doch.“, stammelte er. „Also schön.“, flüsterte Martha und strich mit ihren alten Fingern über seine Hand. „Aber du musst jetzt gehen. Ich bin sehr müde, weißt du. Komm einfach morgen wieder.“ sagte sie. „Also gut, wir sehen uns dann morgen.“, entgegnete der alte Mann.

Als er mit trauriger Miene aus ihrem Zimmer ging, drehte er sich noch einmal um zu ihr. Und während er sich auf den Heinweg machte, ging er an eine Frau vorbei, dir ihr Kind an ihrer Hand hielt. Das Kind fragte: „Du, Mama? Warum hat der alte Mann da mit dem Grabstein gesprochen?“ – „Nun ja. Manchen fällt es eben sehr schwer, sich von Verstorbenen zu verabschieden, weißt du? Manchmal brauchen die Menschen einfach Zeit.“