Das Wrack

Der Bikini passt – einigermaßen. Der Blick in den Spiegel ließ sie nachdenklich werden. Sie sah in ihre eigenen Augen. Oh je, die Lider haben auch schon bessere Tage gesehen, dachte sie. Sie betrachtete ihr Gesicht. Die Nase könnte man vielleicht noch richten. Sieht jedenfalls nicht sehr gerade aus. Danach inspizierte sie ihren Mund. Die Lippen könnten viel voller sein. Wer will die denn in diesem Zustand küssen? Die sind bestenfalls durchschnittlich. Dann verfiel ihr Oberkörper ihrem Urteil: Hab ich eigentlich zu breite Schultern? Wirkt irgendwie männlich. Und meine Brüste, ich glaube, die fangen bald an zu hängen. Gar nicht gut. Etwas mehr Volumen wäre schön. Der Kopf sank etwas tiefer. Na ja, der Bauch – war auch mal dünner. Weniger essen, merk dir das. Nur dann kommst du wieder in Form. Es folgten die Beine. Warum zum Geier kann ich nicht so ein Becken haben wie all die Schönheiten da draußen? Und warum sind meine Oberschenkel so fett, verdammt! Sie drehte sich ein wenig zur Seite. Was für ein Arsch. Noch etwas mehr und ich kann mich nirgendwo mehr sehen lassen. Scheiße, bin ich wirklich so fett geworden?

Aus ihrem Ebenbild wurde ein Wrack, das einer Reparatur bedurfte. Da muss man noch einiges dran machen, damit es wieder schön wird. Damit ich wieder schön bin. Kann ich mir das alles jemals leisten? Sie seufzte, setzte sich auf ihren Stuhl,um auf ihm zusammenzusacken. Plötzlich klopfte es an der Tür. „Du bist in 15 Minuten dran, mach dich bereit!“, rief die Stimme aus dem Flur. Das Wrack drehte ihren Stuhl noch einmal zum Spiegel und sah sich an. 15 Minuten, ja? Ich glaub, das kann man in hundert Jahren nicht mehr retten. Und die 15 Minuten vergingen. Sie öffnete die Tür und ging auf die Bühne – und wurde dort zur schönsten Frau des Landes gekürt.