Der Parasit

Der Teufel grinste, fletschte die Zähne. Dann gab er mir eine Ohrfeige. Mit triefendem Mund flüsterte er mir ins Ohr: „Ich habe ein Geschenk für dich. Und es wird dich dein Leben lang begleiten. Ich wünsche dir nur das Beste, mein Freund.“ Sein Kichern hallte lange nach, als er mir den Parasiten in den Kopf einpflanzte. Es war ein merkwürdiges Gefühl. Als hätte jemand einen Schalter in meinem Gehirn umgelegt. Von da an hatte ich ihn in mir, diesen unliebsamen Gefährten.

Dieser Parasit war gut darin, mich und mein Denken zu manipulieren. Er schien ein Eigenleben zu besitzen – und eine Stimme. Oft sagte er Dinge wie „Du hast es nicht verdient, glücklich zu sein. Du bist Scheiße, ein Waschlappen.“ Manchmal riet er mir, mich umzubringen. Doch das tat ich nicht. Über Jahre hinweg versuchte ich, mit diesem Wesen irgendwie zurechtzukommen.

Die Welt wirkte anders. Auch die Menschen. Alles war so trist, öde, fad. Es gab keine richtige Freude mehr in mir, kein Genuss. Manchmal hasste ich nicht nur mich selbst, sondern gleich die ganze Welt. Meist gab es keinen Grund. Aber der Parasit war so hartnäckig, dass er mich immer wieder daran erinnern wollte, wie wertlos ich doch sei. „Freundin? Du und eine Freundin? Wer soll dich denn anrühren? Schonmal in den Spiegel gesehen, du Freak?“, waren einige seiner Worte. Er wusste genau, womit er mich unten hielt, auf der Ebene des Leids.

Und so vergingen die Jahre mit veränderter Wahrnehmung. Ich sprach mit Menschen, die ein offenes Ohr hatten, doch wer noch nie einen Parasiten des Teufels in sich trug, konnte nicht verstehen, wie er tatsächlich funktionierte. Er war komplex, clever, vielschichtig. Er wuchs mit mir mit und wurde ein Teil von mir. Und langsam wurde mir klar, dass ich eine Entscheidung fällen musste: Entweder würde ich mich seinen Worten beugen und mein Leben beenden oder ich würde lernen, ihn anzunehmen, als etwas, das zu mir gehörte. Diese Reise würde sehr, sehr anstrengend und lang sein. Das sagten mir auch meine Ärzte, die sonst nicht sonderlich viel tun konnten. Aber ich akzeptierte. Und ich überlegte, ob ich aus diesem Geschenk des Teufels nicht eines Tages einen sehr speziellen Freund machen könnte. Einen Freund mit Eigenarten, mit ungeliebter Seele, ein Wesen, das vielleicht selbst nur ein Opfer ist. Das waren die Gründe, warum ich immer mehr versuchte, diesen Parasiten zu verstehen.

Ich habe mich also mit ihm befasst und habe mich in äußerst tiefe Höhlen des Leids begeben. Das hielt ich für notwendig. Wer wissen möchte, was Leid ist, sollte dahin, wo er zum Leid wird. Nur dort versteht man, begreift man diese Welt, in der mein Begleiter lebte. Je besser ich ihn kennenlernte, umso öfter gab ich ihm Widerworte. „Ich, hässlich? Ach komm, so schlecht seh ich doch gar nicht aus.“ Das Problem war allerdings, dass dieser Parasit Zugang zu meinem innersten Kern hatte und genau wusste, was er sagen musste, damit ich wieder der Schwermut verfiel. Er war manchmal so erstaunlich einfallsreich. Wirkten seine Worte nicht, probierte er die nächsten. Dann die nächsten. Und dann die nächsten. Er war so voller Energie, die er mir entzog, was mich oft müde machte. Und schwach. Dieses Vieh war definitv eine nahezu perfekte Konstruktions des Teufels.

Doch gab es da eine Sache, die ihn angreifbar machte. Eine Schwäche, die er hasste. In Ermangelung einer besseren Beschreibung nennt man sie „Liebe“. Alles, was aus Liebe geschah, traf ihn, gab ihm einen Schlag ins Gesicht. Und jeder Mensch trägt Liebe in sich. Sie kann niemals gänzlich verschwinden, so sehr die fiese Stimme es auch versuchte. Im Laufe der Zeit bekam die Fassade des Parasiten erste Kratzer und Dellen. Wie soll ein Monstrum dieser Art auch verstehen, was Liebe ist und welche Käfte sie besitzt. Dies war mein Vorteil.

Und so begann der Kampf mit der Waffe namens „Liebe“. Aber auch das war mit der Zeit zu schwer. Es wollte nicht so ganz funktionieren. So sehr ich mich um positive Gedanken und Taten bemühte, es wurde immer nur kurzzeitig besser. Was mach ich nur falsch, dachte ich. Ich kämpfte hart, mit allen Mitteln, mit aller Kraft, so intensiv es nur ging. Warum wollte es nicht funktionieren? „Weil du ein dummer Taugenichts bist, ein wertloses Stück Dreck, deshalb“, sagte mir die Stimme.

Und dann, eines Tages, endlich die Erkenntnis. Der erste Schritt in Richtung Freiheit. Hör auf zu kämpfen, sagte ich mir. Kampf bedeutet Widerstand, bedeutet Gewalt, bedeutet Unfrieden. Das ist nicht der Weg. Und da wurde mir klar, dass ich einen langen und langsamen Prozess vor mir hatte. Aber es war der einzige Weg. Der gewaltlose Weg der Liebe. Er würde nur funktionieren, wenn ich diesen Parasiten nicht mehr als feindlichen Fremdkörper ansehen würde, sondern als Begleiter oder Gefährte. In der Liebe gibt es keine Gewalt, keine Kämpfe. Also beschloss ich, meinen Gefährten mit Güte zu behandeln. Und es begann.

Ich war nett zu der Stimme, so fies sie auch klang. Ich zeigte Verständnis und Empathie. Ich reagierte nicht mit Widerstand, sondern mit Wohlwollen. Tja, meinem Begleiter gefiel das vorerst gar nicht. Deshalb machte ich mich auf heftige Angriffe gefasst. „Stirb doch einfach, du wertloser, fetter Haufen Müll.“, waren die Worte, die immer wieder durch meinen Kopf schrillten. Doch ich blieb ruhig, gelassen, liebevoll. Es war hart, vermutlich gehört das zu den härtesten Prüfungen, die ein Mensch je durchmachen kann. Aber es funktionierte.

Es enstanden immer wieder neue Zeichen der Freude und der Güte in mir. Ich war auf dem richtigen Weg. Das war dann auch an diesem besonderen Tag zu spüren. Es war ein Tag, den man niemals vergessen kann. Mein Gefährte knickte ein, gab auf, gab sich mir hin. Ich bekam ihn dazu, Dinge wie „Ja, das Leben hat auch schöne Seiten“ zu sagen. Ein bis dato unbegreiflicher Moment. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Brut des Satans nistete in mir, wollte meinen Tod und ist nun mein treuer Gefährte auf dem Weg der Liebe? Wie unglaublich das für denjenigen klingen mochte, der es nicht erlebte. Aber ich habe es erlebt. Und nahm meinen neuen Begleiter bedingungslos an – als meinen neuen Freund.

Am Ende besuchte mich der Teufel erneut und fletschte auch diesmal seine Zähne. Als er mir dann tief in die Augen sah, wusste er, was geschehen war. Er wollte mir erneut eine Ohrfeige verpassen, stoppte allerdings, bevor seine Hand mich traf. Eine blutige Träne lief seine knochige Wange hinunter. „Gib ihn mir zurück, bitte.“, flehte er mich mit zittriger Stimme an. „Nein, er ist nun ein Teil von mir. Danke, dass du ihn mir gegeben hast. Ohne ihn hätte ich niemals so viel lernen können.“ Der Teufel war sprachlos. Er sackte langsam zusammen und verschwand – für immer.