Niemand

Lilli war völllig durchnässt, als sie nach Hause kam. Zwar liebte sie den Regen, doch das war auch ihr zu viel des Guten. Während sie die Haustür hinter sich schloss und ihre Schuhe auszog, bemerkte sie bereits den Geruch von Bier, Zigaretten und Schweiß, der aus dem Wohnzimmer kam. Mum schlief anscheinend immer noch ihren Rausch auf der Couch aus. Lilli musste allerdings in diese muffige Zone, um zur Treppe zu gelangen, die in ihr Zimmer führte.

„Mum, ich bin zuhause. Nicht, dass es dich irgendwie interessiert“, sagte sie im Vorbeigehen, ohne einen genaueren Blick auf den Tisch zu werfen, der voller leerer Bierflaschen und Zigarettenstummel war.
Ihre Mutter rührte sich nur wenig und rieb sich die Augen. „Hattest du schon wieder früher Schule aus? Mann, so gut wie du hatte ich es damals nie.“
„Verdammt, es ist 3 Uhr am Nachmittag, Mum!“
„Sprich nicht so mit mir, verdammte Scheiße! Ab auf dein Zimmer!“
Lilli stampfte die Treppe hinauf und öffnete ihre Zimmertür.

„Hallo Lilli, wie war es in der Schule?“ begrüßte sie die freundliche Stimme des Smiley-Gesichts auf ihrem Computerbildschirm. Es war ihr alltäglicher virtueller Begleiter mit künstlicher Intelligenz, den Lilli „Niemand“ taufte. Bereits kurz nach der Installation hatte sie sich mit dieser Software darüber gestritten, ob eine künstliche Intelligenz eine Seele besitzen könne oder nicht. Sie glaubte nicht, dass man ein solches Gerät aufgrund fehlender menschlicher Eigenschaften jemals als „Jemand“ bezeichnen könnte, woraufhin sie ihm den Namen „Niemand“ gab.

„Hallo, Niemand. Beschissen geht’s mir, wie immer.“ Dann schlüpfte das Mädchen in trockene Kleidung.
„Möchtest du drüber reden, Lilli?“, fragte Niemand. Der Smiley auf dem Monitor bekam große, ernste Augen.
„Ach, was gibt es da schon zu reden…“ Sie warf sich auf ihr Bett und starrte auf die Zimmerdecke. Sie seufzte. „Warum saufen Menschen ständig? Warum ist Mum so?“, fragte sie sich.
„Eine interessante Frage. Ich werde das für dich recherchieren. Eine Sekunde.“
Nach wenigen Sekunden erschien eine große Glühbirne auf dem Bildschirm. “Meine Ergebnisse sehen wie folgt aus: Oft geraten Menschen in die Alkoholsucht, weil sie vor etwas fliehen wollen. Vor der Realität, vor Verantwortung, vor schwierigen Aufgaben. Sie fliehen, weil sie das Gefühl haben, in der Realität nicht mehr klarzukommen und versagt zu haben.“
„Danke, und warum muss ausgerechnet meine Mum so eine beschissene Alkoholikerin sein?“
„Das kann ich dir leider nicht sagen, Lilli. Dafür kenne ich sie zu wenig. Ich wurde schließlich erst vor 19 Tagen installiert.“
„Du bist mir ja eine tolle Hilfe“, sagte Lilli.

„Irgendeine Idee, was ich machen soll? Ich meine, ich hab es so satt. Ich fühl mich so allein, weil sie ständig in ihrer armseligen, kaputten Welt ist. Alles bleibt an mir hängen. Der ganze Haushalt, das Kochen. Ich will das nicht mehr, verdammt! Ich will eine richtige Mum! Ich hab das Gefühl, dass ich ihr total am Arsch vorbeigehe. Dass sie mich nicht liebt. Dass mich keiner liebt!“
„Aber ich liebe dich doch.“, sagte Niemand.
„Na toll. Der einzige, der mich liebt, ist ein sprechender Blechkasten.“
„Autsch. Das tut weh.“ Niemands Gesicht wurde kurzzeitig finster, wurde dann aber erneut von einer Glühbirne abgelöst. “Hey, warte mal. Ich hätte vielleicht eine Idee.“
„Lass hören, mein intelligenter Pseudo-Taschenrechner.“

Kurze Zeit Später ging sie die Treppe hinunter ins Wohnzimmer. Ihre Mum lag auf der Couch und sah fern. Lilli warf ihr einen verschlossenen Briefumschlag auf den Tisch.
„Hier, ich bin dann mal weg“, sagte sie und stürmte aus dem Haus.
Ihre Mutter realisierte erst, was geschehen war, als Lilli bereits das Haus verlassen hatte.
„Blöde Rumtreiberin“, murmelte Mum.

Sie seufzte und öffnete den Umschlag. Sie zog einen Zettel heraus, der nur eine kurze handschriftliche Nachricht enthielt. Doch sorgte diese Nachricht dafür, dass lang aufgestaute Emotionen in sie hereinbrachen und sie in Tränen ausbrach, nachdem sie ihre Gefühle monatelang mit Alkohol betäuben konnte.
„Es tut mir so leid, meine Kleine, es tut mir so leid“, sagte sie immer wieder, während die Tränen auf den Zettel tropften. Sie war sich der Zweideutigkeit von Lillis Botschaft durchaus bewusst. Das versetzte sie noch mehr in einen Zustand der traurigen Klarheit.
Auf dem Zettel stand: „Niemand liebt mich.“