Lucid

Mein Name ist Dr. Hermann Fried. Ich bin Arzt und Mitglied der Ärztekammer. Dies ist meine Einschätzung zur Lage der Nation bezüglich der Substanz „Lucid“, die seit etwa zwei Jahren auf dem Markt ist und hauptsächlich in Apotheken vertrieben wird. Ich werde die gesellschaftlichen und gesundheitlichen Auswirkungen dieses Medikaments seit Verkaufsstart aufzeigen und Sie hoffentlich davon überzeugen, uns Mitglieder der Ärztekammer beim Vorhaben zu unterstützen, den Verkauf zu verbieten oder stark einzuschränken.

Was ist Lucid?
Lucid ist eine chemische Substanz, die üblicherweise in Form einer Pille eingenommen wird. Nach etwa einer Stunde fällt der Patient in einen tiefen Schlaf, der etwa 10-15 Stunden andauert. Doch anders als bei gewöhnlichen Schlafmitteln hat Lucid die Eigenschaft, den Patienten automatisch in einen luziden Traum zu bringen. In einem solchen Traum weiß der Träumende, dass er träumt. Er kann seinen Traum selbst frei gestalten und alles Erdenkliche sein und tun. Der Patient kann ein Superheld sein, der fliegen kann. Er kann sich unsichtbar machen. Oder er trifft seinen Traumpartner. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Ein weiteres Merkmal ist die oftmals veränderte Wahrnehmung der Zeit. Diese kann im luziden Traum verändert werden, sodass dem Patienten die 10-15 Stunden realer Wirkzeit wie Tage, Wochen, Monate oder gar Jahre vorkommen können. Theoretisch kann man also in wenigen Stunden Schlaf ein ganzes Leben verbringen.

Wofür wurde Lucid entwickelt?
Ursprünglich war das Medikament dazu gedacht, schwer kranken und gelähmten Menschen das Leben zu erleichtern, um zumindest zum Schein eine gewisse Lebensqualität zu gewährleisten, frei von Schmerz und Verzweiflung. Da der Wirkstoff seit Markteinführung allerdings rezeptfrei erworben werden kann, wird er seitdem immer häufiger von jungen gesunden Menschen eingenommen.

Wer konsumiert Lucid und was sind die Folgen?
Als Lucid neu auf dem Markt war, waren vor allem Jugendliche und junge Erwachsene neugierig auf die Wirkweise dieses Mittels. Die Werbekampagne war so umfangreich und allgegenwärtig, dass jeder schnell davon wusste. Immer mehr wollten Lucid zumindest einmal ausprobieren. Und obwohl das Mittel erst ab 18 Jahren verkauft werden darf, erlauben Eltern ihren Kindern und Jugendlichen häufig, es (hauptsächlich) an Wochenenden einzunehmen. Der Hauptgrund ist ganz klar, dass Eltern, während ihre Kinder im Traum sind, mehr Zeit für sich haben und sich der Verantwortung, die die Elternschaft nunmal mit sich bringt, entziehen können. Dass ein solches Verhalten die Entwicklung des Kindes beeinträchtigen kann, steht außer Frage.

Immer mehr Menschen bleiben an Wochenende zuhause, um zu träumen. Seit dem Verkauf von Lucid verbringen immer mehr Jugendlichen ihr Wochenende daheim. Ein nicht unwesentlicher Teil der Diskotheken und Clubs im ganzen Land musste deshalb bereits schließen. Eltern geben gerne an, dass ihre Kinder ohne nächtliches Herumtreiben schließlich sicherer seien und man außerdem jetzt immer wüsste, wo sie sich befänden. Die negativen Auswirkungen von Lucid werden dabei gerne ausgeblendet, obwohl sie weitaus schwerwiegender sind, wie ich später weiter ausführen werde.

Und so entstand sehr schnell eine Art Kult um dieses Mittel. Die Leute nutzen das Internet, um ihre Erlebnisse, die sie beim Träumen hatten, zu schildern. Es findet ein reger Austausch über das Leben in jener Parallelwelt statt. Die Konsumenten bezeichneten sich stets als „Träumer“. Im Folgenden zitiere ich einige Kommentare, die aus dem Internet stammen:

Boris W., 15 Jahre: „Heilige Scheiße! Ich war wochenlang unsichtbar und konnte spannen, wo ich nur wollte. Geil, Mann! Scheiß auf Sexualkunde. Hier lernt man richtig was. Scheiß auf Realität. Ich bin #Träumer und stolz drauf!“

Marie S., 11 Jahre: „Ich hab im Traum viel mit meinem toten Opa unternommen. Es war so schön. Jetzt bin ich wach und frage mich, ob er wirklich tot ist. Opa, du fehlst mir.“

Jens T., 19 Jahre: „Alter, ich hatte sie alle! Die geilsten Pussys gehörten ganz allein mir. Scheiß auf Real Life. Ich hab bock zu pennen, Bitches!“

Jonas F., 21 Jahre: „Ist das hier wirklich unsere Realität? Oder auch nur ein Traum in einem Traum? Hey, wenn das so weitergeht, muss ich in die Klappse, ich schwör’s euch.“

Carlotta E., 14 Jahre: „Dieser Moment, wo du aufwachst und es einfach total vermisst, mit deinem Traumtypen zu kuscheln. Tommy, ich will zurück zu dir, mein Schatz! In der echten Welt sind alle Jungs beschissen.“

Durch den starken Missbrauch von Lucid hat sich unsere Gesellschaft in eine fragwürdige und gefährliche Richtung entwickelt. Immer mehr Menschen haben das Bedürfnis, unserer Realität zu entfliehen, um in ihre selbst erschaffte Traumwelt zu gelangen.

Warum ist Lucid gefährlich?
Lucid hat von allen bisher produzierten chemischen Substanzen das höchste psychische Abhängigkeitspotenzial. Das liegt vor allem daran, dass sich bei vielen Patienten nach dem Aufwachen häufig eine Ernüchterung und Enttäuschung einstellt, da unsere Realität eben nicht so bunt und abenteuerlich ist, wie es im Traum der Fall sein kann. Und da es zudem eine Gewisse Zeit braucht (bis zu einer Woche), sich wieder an unsere Welt zu gewöhnen, wollen viele so schnell wie möglich wieder träumen. Und so entsteht ein Kreislauf, der dafür sorgt, dass man die reale Welt immer mehr verteufelt und sich den Traum zurückwünscht.

Als weiteren Negativpunkt möchte ich die mittlerweile über 13.000 Todesfälle nennen, die zusammen mit Lucid innerhalb der letzten zwei Jahre aufgetreten sind. Zu den häufigsten Ursachen zählen schwere Depressionen nach dem Aufwachen, die zum Suizid führen können. Außerdem wissen viele Patienten nach dem Erwachen nicht sofort, dass sie wieder in der Realität sind. Folglich glauben sie weiterhin, Superkräfte zu haben oder unsterblich zu sein und begeben sich somit in gefährliche und tödliche Situationen.

Was tut die Regierung?
Trotz der großen Risiken und der gesellschaftlichen Entwicklung, sieht unsere Regierung momentan noch nicht genügend Gründe, das Mittel zu verbieten oder zumindest als rezeptpflichtig zu deklarieren. Wir, als Mitglieder der Ärztekammer, tun weiterhin unser Bestes, um den Schaden so schnell wie möglich zu begrenzen.

Zum Abschluss möchte ich noch etwas nicht Unwesentliches kundtun:
Mein Name ist nicht wirklich Dr. Hermann Fried. Ich bin auch kein Arzt. Eigentlich heiße ich Philipp und bin nur ein einfacher Angestellter – und du bist jetzt gerade Gast in meinem luziden Traum! Ja, ganz recht, ich schlafe in diesem Moment. Das hier ist das reinste Wunderland. Und jetzt träum ich dich wieder ins Nirwana, denn meine Patienten verlangen nach mir. Halt die Ohren steif.

Ende des Berichts.