Der letzte Krieger

Das Schlachtfeld wurde zum Massengrab, einem Sumpf aus Blut, Gestank und Leid. Tausende Leichen, in Teilen und am Stück, im verregneten Felde, das einst aus friedlichem Grün bestand. Tausende Seelen, die nach Erlösung trachten, sind nun auf dem Weg in eine ander Welt. Und mittendrin nur noch ein Überlebender: der letzte Krieger, der sein Schwert aus seinem letzten Opfer zieht, das sodann eins wird mit dem Sumpf. Der Krieger, er ist nass, voll vom Blut seiner Opfer, völlig erschöpft vom Kampfe, vom Elend, vom Töten. Seine Rüstung zerfetzt, seine Seele unrein.

Und so fällt er langsam auf die Knie, lässt ab von seiner Waffe. Er streckt die Arme aus, schaut nach oben in den Regen und gibt den größten Schrei von sich, den ein Mensch nur erbringen kann. Dieser Laut der Verzweiflung hallt durch das ganze Feld, so laut, dass seine Wellen sichtbar werden. So laut, dass selbst Gott ihn zu hören vermag. Der Krieger ruft: „Es ist genug! Genug des Leids, genug des Tötens. Wir Menschen haben genug gelitten, genug gemordet, genug geblutet! So erhöre mich und sage mir, es ist vorbei. So sage mir, es ist genug. Lass uns Menschen endlich frei, beende endlich diesen Wahn. Erbauer, höre mich, den letzten Krieger. Es ist genug! Es ist einfach genug!“ Weinend bricht er zusammen.

Einige Momente herrscht nichts als Stille. Doch dann, ganz plötzlich, weicht der Regen einem hellen Blitz, und aus den Wolken erklingt eine mächtige Stimme, befremdlich und gleichzeitig vertraut. Sie ertönt über das Ganze Land, als sie sagt: „Nun gut, mein Krieger. Ich hätte niemals gedacht, dass ein menschliches Geschöpf zu so einer Verzweiflung, so einem Schrei des Leids fähig ist. Ihr Menschen habt genug gelitten, genug gekämpft, genug getrauert, genug gehasst. So sollen die Menschen dir für immer dankbar sein, dass du diesen Laut hast erklingen lassen, um mich zu rufen. Denn nun, mein Sohn, wird alles anders sein. Dies ist der Beginn einer neuen Zeit. Ich hoffe, ihr werdet ihn weise nutzen.“

Es folgt ein lautes Brummen, das mit einer Schallexplosion durch die ganze Welt fegt. Alles bewegt sich, alles vibriert, alles wackelt, alles erwacht. Die Bäume strahlen, die Tiere schreien, der Wind singt das Lied des neuen Lebens. Der Krieger steht auf und schaut sich um. „Ja!“, ruft er, während das Leben ihn umhüllt. Er fällt erneut zu Boden, ohne in Gänze begreifen zu können, was gerade geschieht.

Es bleibt einige Sekunden schwarz. Und dann erwacht der letzte Krieger – auf einer blühenden Wiese, am gleichen Ort, der wenige Minuten zuvor nur aus Elend und Tod bestand. Der Schauplatz des Krieges ist fort, als wäre nie etwas geschehen. Das Leben erblüht erneut. Die Leichen sind nicht mehr da. Alles ist anders. Der Krieger steht auf und erkennt, was passiert ist. Er weint. Doch diesmal nicht aus Verzweiflung, sondern weil er spürt, dass es vorbei ist. Freudentränen durch und durch. Er lacht und weint und weint und lacht. Und er dankt dem Schöpfer dafür, dass er nach all der langen Zeit doch noch eingeschritten ist, weil er bemerkt hat, wie groß das Leid geworden ist und es einen Krieger gab, der dieses Leid in Gänze in sich aufnahm, um es in den Himmel zu schreien.

Als der letzte Krieger in sein Dorf zurückkehrt, sieht er, dass sich alles geändert hat. Alles wirkt so lebendig, so farbenfroh. Die Menschen versammeln sich um ihn, sichtlich verwundert und verwirrt. Der Krieger spricht: „Meine Mitmenschen, dies ist meine Kunde. Ich bin der letzte Krieger. Und ich nahm die letzte Kraft, die in mir wohnte, um unseren Schöpfer selbst anzurufen. Das, was ihr gespürt habt, war der Beginn einer neuen Zeit. Einer Zeit des Friedens, der Einigkeit, der Liebe. Auf dem Felde gingen viele Seelen fort, die es zu betrauern gilt. Doch auch können wir uns freuen, dass all das Elend nun ein Ende findet. Keine Kriege mehr. Kein Leiden mehr. Ich werde nun mein Schwert und meine Rüstung als Zeichen vergraben, auf dem Schlachtfeld, in Erinnerung an die Gefallenen und daran, dass von nun an alles anders ist. Geht zu euren Liebsten, liebt, erfreut euch, und zeigt dem Herrn, welch Güte und Kraft ins uns allen wohnt.“ Die Bewohner kommen näher und knien vor ihm. Die Sonne scheint seit diesem Tag so hell wie noch nie, und sie schenkt der ganzen Welt, was sie verdient.