Die Zelle

Scheiße, verdammt! Die Bullen haben mich drangekriegt. So viele Jahre schon liefen meine Geschäfte wie am Schnürchen. Und jetzt erwache ich in diesem Loch, einer kleinen Zelle, alle Knochen tun mir weh. Ich kann mich an nichts erinnern – kein gutes Zeichen.
Ich versuche, mich zu sammeln. Ich stehe von der Liege auf und schaue mich um. Ich dachte immer, Gefängnisse seien etwas moderner eingerichtet heutzutage. Ich sehe eine unbequeme Liege, einen Wandschrank, ein Klo. Das war alles. Wie lange ich wohl schon hier bin, und vor allem: Wie haben die Scheißbullen mich erwischt? Ich überlege, versuche mich zu erinnern. Filmriss, Fuck!
Ich klopfe an die dicke Stahltür. „Hallo! Jemand da?“, rufe ich. Keine Reaktion. Enttäuscht lege ich mich wieder hin. Wow, was für ein Denkzettel. Vom Leben im nicht ganz legalen Luxus ins spärliche Knastleben. Großartig! Ich schaue die Decke an. Weiß, alles weiß, kahl. Bloß nichts, was mir auch nur einen Hauch von Gemütlichkeit schenkt. Wahrscheinlich habe ich nun einige Zeit zum Nachdenken. Monate? Jahre? Wenn ich das wüsste. Meine Ungewissheit sorgt für Hitzewallungen. Aber hier sind keine Fenster für etwas frische Luft, nur eine kleine Belüftung. Klein genug, um nicht auf dumme Ideen zu kommen.
Ich lenke mich ab, indem ich an mein tolles Leben da draußen denke, das ich bisher hatte. Ein dunkelblauer Sportwagen, eine knappe Million auf dem Konto, viele Kontakte und somit viele Parties. Und die Frauen. Ja, der Gedanke an die Frauen lässt mich grinsen. Wie kann man die Zeit in seinen Dreißigern denn besser verbringen…

Nach kurzer Träumerei ändert sich die Richtung meiner Gedanken und ich komme auf den Boden der Tatsachen zurück. Was wird nun aus mir, verdammte Scheiße! Ich brauch endlich Klarheit. Die Ungewissheit lässt meine Seele bluten. Wow, dieser Satz klang fast schon poetisch.
Ich klopfe erneut an die Tür. „Hallo, verdammt! Ist hier jemand? Wäre schön, wenn mir jemand sagen könnte, wie lange ich hier versauern muss.“
Ich höre Schritte. Endlich! Dann das Gesicht eines Polizisten, der in das kleine Sichtfenster schaut. Er schließt die Türe auf und kommt mir einen Schritt entgegen. „Morgen. Wieder nüchtern?“, fragt er mit einem schelmischen Grinsen. Es ist das Grinsen eines Mannes, dem ich gern die Fresse polieren würde. Das wäre meiner Situation aber nicht sonderlich zuträglich.
„Ähm, ja. Bin ich. Hören Sie, wie lange wurde ich verknackt? Monate, Jahre?“
„Sie können gehen.“
„Sehr witzig. Ist das ein neuer Trick von euch? Nicht sonderlich originell. Also, wie sieht es aus?“
„Nein, Sie können gehen. Die Ausnüchterungszelle ist grundsätzlich für eine Nacht gedacht.“
„Ausnüchterungszelle?“
„Sie haben wohl einen kleinen Filmriss, was? Wir haben Sie letzte Nacht von der Straße aufgegabelt, weil sie kaum noch aufrecht stehen konnten und eine Gefahr für den Verkehr darstellten. Was dachten Sie denn, warum Sie hier sind?“
Mir wird gleichzeitig heiß und kalt. Fast hätte ich ihm von meinen Geschäften erzählt und hätte womöglich gleich hier bleiben können. „Keine Ahnung, ich bin einfach noch etwas neben der Spur, schätze ich“, sage ich stattdessen in der Hoffnung, dass der Bulle nicht weiter nachfragt.
„Holen Sie Ihre Sachen aus dem Schrank, unterschreiben Sie das, dann war es das.“
Den Kerl, den ich gerade noch vermöbeln wollte, würde ich jetzt am liebsten umarmen. Er reicht mir ein Klemmbrett mit einem Formular. Ich unterschreibe. Ist mir völlig egal, was draufsteht. Ich will nur raus hier. Dann nehme ich meine Sachen und verschwinde. So fühlt es sich also an, frei zu sein. Dieses Gefühl ist schöner als alles, was ich bisher kaufen konnte.