Begegnung zweier Seelen

„Wer bist du?“, fragte ich.
„Ich bin niemand“, das sagte sie.
„Aber ich seh dich doch“, entgegnete ich. „Also musst du jemand sein.“
„Du irrst dich. Ich bin ein Geist. Ich schaue und schwebe, sonst tu ich nichts.“
„Aber atmest du nicht, wie ich atme?“, fragte ich.
„Ja, das schon, das tue ich.“
„Und gehst du nicht, wie ich gehe? Träumst du nicht, wie ich träume, leidest du etwa nicht wie ich?“
„Ich glaube kaum, denn kennen tun wir uns nicht.“
„Aber du bist doch auch aus Haut und Haar, nicht wahr?“
„Na und, was sagt das schon? Ich bin ein Geist und bleib dabei.“
„Warum sich selbst belügen, wo die Wahrheit doch woanders liegt?“
„Urteile nicht, du kennst mich nicht. Lass mich in Ruh und Nebel sein. So ist es vorherbestimmt.“
„Aber wer hat dir dies aufgetragen? Wer hat gesagt, du bist nur Nebel, bist nur Geist statt Menschenkind? Wer, sag mir, wer?“
„Ich weiß es nicht. Und ich glaube,du wirst mir langsam Last.“
„Weil die Wahrheit dich erfasst! Sieh dich doch an, so ganz erblasst. Willst du nicht neue Wege gehen? Soviel Zeit, die dir noch bleibt.“
„Und, was willst du lehren, du achso weiser Mann, der wohl alles begreifen kann?“
„Nein, das tue ich nicht, und ich werde es auch niemals tun. Doch erkenne ich eine gepeinigte Seele, die nicht geht, sondern unmerklich über dem Boden schwebt. Es ist deshalb an mir, das was ich erlernt, weiterzugeben. Und die Frage ist: Nimmst du an?“
„Den Rat von einem fremden Mann? Ob dieser denn je stimmen kann?“
„Was hast du zu verlieren schon?“
„Warum ich, warum jetzt ich? Gibt es sonst keinen, der mit dir spricht?“
„Du bist jetzt hier, ganz nah bei mir. Kann das nicht auch des Schicksals Rufe sein?“
„Sei nicht albern und bleib gescheit, für Märchen bin ich nicht bereit.“
„Ich möchte dir ein paar Worte geben, danach lass ich dein Leben leben, was sagst du?“
„Also schön, ich hör dir zu.“
„Ich war auch mal Geist, genau wie du. Alles Nebel, alles Last, alles Feuer, niemals Rast. Doch ich wollte es dabei nicht belassen und musste mich selbst am Schopfe fassen. Es tut erst weh und heilt nicht schnell, doch das, was folgte, siehst du nun. Hier vor deinem Auge. Sichtbar bin ich, mehr dennje. Versteh, dass es auch anders geht.“
„Und wie soll das bitte geschehen, so ganz ohne Magie?“
„Indem du Frieden mit dir schließt, vom Sklaven dich wandelst und in den Himmel steigst, du dort deine Rolle als Schöpfer dir greifst, die dir Größe gibt, Stärke, Kraft und neues Sein, du kannst es tun, musst es doch allein.“
„So einfach kann es niemals sein, du scheinst mich nicht zu kennen. Ich kann vom Kriechen nicht plötzlich rennen.“
„Hast du es denn mal probiert, mal die Wege nach vorn studiert? Mein Mädchen, so höre dir doch selbst mal zu, es gibt noch mehr als das, was ist.“
„Vielleicht verrückt, vielleicht weise bist du. Es schmerzt, du trafst mich scheinbar ziemlich tief. Siehst du meine Tränen hier, guter Mann? Ist es das, was du begehrst?“
„Nein, im Gegenteil. Doch wenn Heilung naht, kommt erst die Gewissheit, die Wahrheit und die Erkenntnis. Dann weint man und dann klärt sich die Sicht.“
„Wo ist der Nebel, ich seh ihn nicht.“
„Er schwindet, so wie deine Zweifel schwinden. Lass es zu und du wirst gewinnen, auf ewig sichtbar und statt nur zu schauen, nimmst du teil.“
„Ich sehe Licht. Ich sehe Licht. Alles so klar, der Nebel fort. Ich nehm ihn wahr, den neuen Ort. Habt Danke für deinen Rat.“
„Viel getan, das habe ich nicht, nur ein Spiegel vor dein Gesicht. Alles, was dann kam, das ist allein dein Verdienst. Lebe wohl mit neuer Sicht.“
„Vergessen, mein Herr, werd ich dich nicht.“