Theo beschließt zu gehen

Eigentlich dachte sie, dass dies ein Morgen wie jeder andere werden würde. Doch als sie das Zimmer ihres Sohnes betrat, um ihn zu wecken, sorgte eine Tatsache dafür, dass sie abrupt stehenblieb und es mit der Angst zu tun bekam:

Er war nicht da. Sein Bett in Form eines Rennwagens war bereits gemacht. Sie rief mehrmals seinen Namen, doch niemand antwortete ihr. Panisch schaute sie sich im quietschbunten Kinderzimmer um und fand schließlich einen handgeschriebenen Zettel auf seinem kleinen Schreibtisch.
„Schatz, komm schnell. Schatz!“, rief sie so laut sie konnte und nahm das Papier in die Hand.
Ihr Mann eilte herbei. „Was ist los?“, fragte er und erkannte sofort an ihrem Blick, dass etwas nicht stimmte. Sie hielt ihm den Zettel hin. Es war ein Brief ihres Sohnes, Theo, den sie gemeinsam und still lasen.

„Liebe Mama. Lieber Papa.
Ich bin jetz 8 jare alt. Und ich bin schon richtig gros geworden. Ihr habt euch so lange um mich gekümert. Und ihr habt euer besstes gegebn. Das ist lieb von euch. Aber jetz ist es zeit zu gehen für mich. Ihr habt euch immer fiel gestreitet wegen mir. Das weis ich genau. Weil immer wenn ihr euch gestreitet habt habt ihr so Sachen gesagt wie „Aber Theo. Aber was ist mit Theo. Denk doch an Theo.“ Ich glaube, ihr habt euch immer wegen mir gestreitet. Deshalb ist es wohl besser, wenn ich gehe. Ihr habt zu fiele Propleme wegen mir. Ich bin wohl ein Proplemkind. Ich gehe jetz woanders hin wo ich keine Propleme mache.
Theo“

Als Theos Mutter weinend zusammenbrach, wurde sie von ihrem Mann aufgefangen. Und dann taten sie alles, um Theo zu finden.

Zwölf Jahre sind mittlerweile vergangen. Es war ein später Abend im November und der leichte Regen tauchte die Umgebung in einen leichten Dunst. Das Haus sah noch genauso aus wie damals. Es hatte sich scheinbar nichts geändert, außer dass ein anderer Wagen in der Einfahrt stand.
Als der mittlerweile zwanzigjährige Theo das Haus erreichte, war er von der Strecke, die er gerannt war, ganz außer Atem. Sein weißes Shirt war voller dunkler Flecken, sein Gesicht war vernarbt. Seine dunkelblonden Haare waren fettig und verdeckten sein halbes Gesicht.
Er hämmerte an die Tür. „Mama, ich bin’s. Ich hab es geschafft. Ich bin wieder da!“, rief er. Es dauerte einen Moment, bis jemand reagierte.
Eine fremde Frau mittleren Alters öffnete die Tür. „Wer sind Sie?“ fragte sie verduzt. An ihrem Blick war zu erkennen, dass sie von Theos Erscheinung angewidert war.
„Wo ist Mama? Ich will zu Mama“, sagte der junge Mann voller Aufregung.
„Du musst dich im Haus geirrt haben. Und jetzt verschwinde, bevor ich die Polizei rufe!“
Aber Theo wollte nicht verschwinden. Vor allem nicht nach allem, was er durchgemacht hatte. „Wo ist Mama? Meine Mama wohnt doch hier.“
„Sag mal, hörst du schlecht? Ich wohne seit zehn Jahren hier! Und deine Mutter bin ich bestimmt nicht. Geh in deine Gosse zurück!“
„Aber Mama hat doch hier gewohnt. Genau hier!“
Die Frau hielt kurz inne und holte tief Luft. „Also schön. Noch einmal zum Mitschreiben: Das hier ist mein Haus, seit über zehn Jahren. Und vor mir hat nur so ein kaputtes Ehepaar hier gewohnt, die Hoffmanns.“
Theos Augen weiteten sich.
„Beide haben sich damals das Leben genommen. Irgendeine erbärmliche Familientragödie. Bist du jetzt zufrieden und verschwindest endlich, bevor die Nachbarn noch sehen, mit was für einem Abschaum ich mich gerade unterhalte?“
„Was?“, fragte Theo mit zittriger Stimme. „Was?“, wiederholte er. Er wurde immer lauter. „Was?“ Sein Gesicht verfinsterte sich. Plötzlich sprang er die Frau an, warf sie zu Boden und kniete über ihr. Dann ballte er seine Hände zu Fäusten und schlug ihr ins Gesicht. Wieder. Und wieder. Und wieder. Mit jedem Schlag brüllte er „Was?“. Man konnte ihren Kiefer brechen hören und später auch ihren Schädel. Blut lief ihr aus Nase und Mund. Nach einiger Zeit verlor Theo seine Kräfte. Das Gesicht der Frau war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sie schien auch nicht mehr zu atmen.
Theo nahm sie in den Arm. „Ich bin zurück, Mama. Hörst du, ich bin wieder da. Ich konnte mich befreien. Du glaubst gar nicht, was sie mir alles angetan haben, Mama.“
Als er schließlich von ihr abließ, realisierte er erst langsam, was er getan hatte. All das Blut. Das ist nicht Mama. Wer ist diese Frau? Meine Eltern sind tot? Haben sich das Leben genommen?
„Nein“, flüsterte er. „Nein, verdammt!“ Er stolperte fast, als er rasch aufstand und rannte. Er rannte zurück. Zurück zu seinen Entführern. Denn so schlimm diese zwölf Jahre währende Hölle auch gewesen war – nichts war für Theo so schlimm wie die Hölle hier draußen.