Das Ende der Welt

An jenem Morgen wurde Rosa nicht wie gewöhnlich vom Seniorenwecker (mit dem großen Ziffernblatt) ihres Mannes geweckt. Stattdessen war es ein lauter Knall, der sogar den Boden noch einige Sekunden danach zum Wackeln brachte. Was war das, fragte sie sich, als sie aufschreckte.

Ein Erdbeben? Sie drehte sich zur anderen Bettseite. Harald schnarchte noch unüberhörbar. Typisch, dachte sie und rollte mit ihren Augen. Sie stand gewohnt langsam auf und schlüpfte in ihre Pantoffeln.
Neugierig ging die betagte Frau mit langsamen und kurzen Schritten zum Schlafzimmerfenster und zog das Rollo noch oben. Dann sah sie es und konnte ihren Augen kaum trauen. Es war ein Alptraum. Ein Mosaik aus Flammen, einstürzenden Gebäudeteilen und verzweifelten Menschen, die sich gegenseitig zu retten versuchten, gehörte zum überraschenden Bild, das sich in ihr entsetztes Gemüt brannte. Der ganze Straßenzug stand in Flammen. Nur ihr eigenes Haus schien noch unversehrt zu sein.
Rosa drehte sich völlig verängstigt sich zu ihrem Mann um. „Harald! Harald, wach doch endlich auf, Mensch!“, rief sie in seine Richtung. „Harald! Wach auf!“ Sie schnappte sich die kleine Buddha-Statue aus Plastik von der Fensterbank und zielte auf seinen Kopf. Volltreffer! Da wurde er endlich wach, rieb sich die Augen und erhob sich. „Rosa, was ist denn los?“, fragte er mit seiner typisch gelassenen und ruhigen Stimme.
„Du Harald. Ich glaub, die Welt geht unter“, entgegnete seine Frau mit trauriger Miene, während sie auf das Flammenmeer auf der anderen Straßenseite starrte.
„Was? Die Welt geht unter? Aber ich bin ja nicht mal angezogen“, sagte Harald trocken.
„Nun sitz nicht einfach so da! Sieh es dir an!“
„Ja ja, einen Moment.“ Er fummelte eine gefühlte Ewigkeit mit seiner Hand am Nachttisch herum, bis er seine Brille fand. Er setzte sie sich auf die Nase, strich sich einmal kurz durch seine restlichen weißen Haare und stand auf. „Im Schlafanzug gehe ich aber ungern ans Fenster. Ist mir irgendwie unangenehm, wenn die Nachbarn mich so sehen.“
„Hast du gehört, was ich gesagt habe? Es gibt keine Nachbarn mehr!“
„Was, sind die Schneiders wieder ausgezogen? Hab ich gar nicht mitbekommen.“
„Nein, jetzt komm und sieh es dir endlich an!“
Es dauerte eine Weile, bis er mit seinen alten Knochen ans Fenster kam. Dann sah er es: Feuer, überall Feuer, Schreie, Rauch, Verletzte, Tote.
„Oh“, sagte er nüchtern. Er sah Rosa tief in die Augen. „Och, das ist jetzt aber blöd.“
Rosa war entsetzt über seine Reaktion. „Blöd? Du siehst das da und findest das blöd? Verdammt, Harald! Was machen wir denn jetzt? Ich hab Angst.“
„Du hast Angst? Was meinst du, wie es denen da drüben geht?“ Er zeigte auf zwei Menschen, die brennend auf die Straße liefen und um Hilfe schrien. „Soll ich uns vielleicht erstmal einen Kaffee machen?“, fragte er dann überraschend.
„Was? Kaffee? Da brennen Menschen und du denkst nur an…“ Da knallte es erneut und einige weitere Gebäude im Hintergrund explodierten. Rosa zuckte zusammen und begab sich in die Arme ihres Mannes.
„Tja, dann vielleicht doch kein Kaffee“, war seine Reaktion.
„Was sollen wir nur tun?“
„Ich finde, wir sollten erstmal duschen. Wäre ja echt unangenehm, dem Schöpfer ungewaschen entgegenzutreten. Schließlich wird er auch eine Nase haben.“
„Machst du Witze? Dem Schöpfer? Wir müssen hier verschwinden, aber schnell!“
„Ach, weißt du, Liebes, wenn ich mir das unschöne Spektakel da draußen ansehe, bin ich doch lieber hier.“
Es knallte ein drittes Mal. Rosa öffnete die Augen, schon wieder. Was ist passiert, fragte sie sich, während sie wieder in ihrem Bett lag. Ein Traum? Alles nur ein Traum? Sie wischte ihren Schweiß von der Stirn. Dann nahm sie völlig genervt ihr Kissen in beide Hände und schlug damit mehrmals auf Haralds Gesicht. „Du blöder Depp, du kannst einem selbst das Ende der Welt noch versauen!“, schrie sie.