Herbstaufstand

Ende September begannen die Blätter zu fallen, um allmählich den Herbst einzuläuten. Die Wolken wurden grauer, die Straßen nasser, und auf einer Allee stand ein Baum, der sich von seinem braun gewordenen Blattwerk trennte, das durch die Feuchtigkeit fast wie Blei auf den Boden traf. Einhundert Blätter verlor dieser Baum an einem Tag, während eines dieser Blätter ein gänzlich anderes Schicksal erwartete, als es bei den anderen der Fall war.

Es war ein Hund, der beim Vorbeigehen, wie Hunde es nun einmal tun, speichelte. Und dieses eine Blatt verfing sich im Sabber, der noch an der Schnauze dieses Vierbeiners klebte. Erst nachdem sich der Hund mehrmals schüttelte, landete das Blatt auf der nassen Straße, jedoch noch immer mit Hundesabber versehen. Das wollte das Blatt nicht auf sich sitzen lassen (oder kleben) und stand folglich auf. Der kleine Laubmann nahm seine blättrigen Hände und wischte sich den Rest der klebrigen und stinkenden Substanz von seinem Laubleib. „Bäh, das kann doch wohl nicht wahr sein“, meckerte das Blatt und lief langsam zu seinen frisch heruntergefallenen Freunden. „Hey, Leute, habt ihr das gesehen? So etwas muss man sich doch nicht bieten lassen, oder? Da fallen wir frisch von der Krone, um als Waisen durch die Welt zu streifen, und dann ist der Fall so unwürdig, wie er nur sein kann“, rief der Laubmann seinen Gefährten zu.
Einige andere Blätter gesellten sich zu ihm und sahen ihn an. „Oh weia, das ist wirklich unschön. So etwas sollte man sich niemals bieten lassen. Wir sollten eine Gewerkschaft gründen und auf die Straße gehen.“
„Oh ja“, sagte das Hundesabberblatt euphorisch. „Trommle die anderen zusammen, wir gehen demonstrieren.“

Es vergingen einige Stunden der Vorbereitung, denn eine solche Aktion will schließlich durchdacht sein. Und dann war es schließlich soweit. Einhundert Blätter mit kleinen Schildern marschierten langsam den Straßenrand entlang, um mit Würde beachtet zu werden. Auf den kleinen Schildern standen Sprüche wie „Keine Macht dem Sabber!“, „Wir sind kein Abfall!“ oder auch der englische eingängige Spruch „Blätter matter!“.
Die Demonstration war ein voller Erfolg, denn kurz darauf kam der Hund wieder, um sich zu entschuldigen. „Es tut mir leid. das Blatt fiel so schnell, ich konnte einfach nicht schneller reagieren. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Und auch versprach der Köter, seinen Artgenossen Bescheid zu geben, doch gefälligst auf das fallende Laub zu achten, denn Laub sollte stets in Würde fallen.

Und die Moral von der Geschicht, sofern es eine gibt, sagt uns, dass niemand und nichts unwürdig ist.

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Dieses Foto diente als Inspiration für diese kleine Geschichte. Danke, Lilli!