Angst

Nachdem er auf die Klingel drückte, war ihm danach, wegzurennen, so wie früher beim Klingelstreich. Doch nun war er 40 Jahre alt und kein Kind mehr, jedoch zitterte er wie eines. In ihm tobte es, als würden Wellen an seinem Selbstwert brechen und ihn dann ins offene Meer ziehen wollen, ohne Sicherheit, ohne Chance aufs Überleben.

Die Tür öffnete sich. Der verängstigte Mann begab sich mit einem Tunnelblick durch das Treppenhaus und konnte gerade so die offene Tür am Ende wahrnehmen. Ein Mann im Anzug trat hervor und bat ihn herein. Der Angsthase versuchte alles, um selbstbewusst zu wirken, doch kam es anders: Er begann zu schwitzen, seine Brille beschlug und versperrte die Sicht. Dennoch begab er sich in das Büro.

Er reichte dem Mann im Anzug seine kalte, schwitzige Hand. Der Mann im Anzug bat ihn, sich zu setzen. Der Angsthase nahm also Platz, während es scheinbar all seine Gedanken vorgezogen hatten, Kirmes zu spielen und wild in sämtliche Richtungen zu flitzen, ohne ein bisschen Klarheit übrigzulassen. Er dachte daran, seine beschlagene Brille abzunehmen, um wieder mehr sehen zu können. Ihm war nicht klar, was vernüftiger schien, denn klares Denken lag in weiter Ferne, hinter den Lichtern von Autoscooter und Achterbahn seines inneren Rummelplatzes. Er setzte dann doch die Brille ab.

Der Mann im Anzug hieß ihn freundlich Willkommen in seinem Büro. Er stellte die üblichen Fragen, die man so kannte: „Haben Sie gut hergefunden?“ oder „Was sind Ihre Stärken?“. Der Angsthase hat anscheinend irgendwie diese Fragen beantworten können. Doch war es so, als würde er neben seinem Körper stehen, während es geschah. Er konnte zwei Menschen erkennen ,die ein Gespräch führten – der eine selbstsicher im Anzug, der andere nervös, schwitzend wie ein Schwein, wie ein Schulkind, das zum Büro des Rektors geschickt wurde. Es war heiß, sehr heiß.

Während des Gesprächs griff der nervöse Bewerber mehrmals zu einem Taschentuch, um sich seinen Angstschweiß vom Gesicht zu wischen, doch lief es immer wieder nach. Es fühlte sich wie ein Wasserfall an, der nicht stoppte. Er wusste, dass man seine Angst sah, roch, spüren musste. Er fühlte sich wie ein Nichts, ein Niemand, denn obwohl soviel Klugheit und Wissen in ihm wohnten, war nun alles fort. Er dachte daran, dass man keinen Mann mit 40 Jahren sah, sondern ein Kind, unfähig, hilflos, ausgeliefert. Er dachte wieder ans Wegrennen. Denn er wusste ja bereits, dass das Gespräch keinen Sinn machte. Wer sollte einen Menschen einstellen, der Wasserfälle der Angst schwitzt?

Nach dreißig Minuten kam das Gespräch zum Abschluss.
Der Mann im Anzug sagte: „Sie sind genau der, den wir brauchen. Möchten Sie bei uns anfangen?“
Der Angsthase realisierte seine Worte kaum. Deshalb antwortete er nur mit: „Ehrlich gesagt bin ich total nervös und ich kann gerade kaum klar denken.“
„Sie waren nicht viel nervöser als andere. Und wer in einer solch heiklen Situation trotzdem so souverän antworten kann, der hat wirklich was auf dem Kasten. Aber Sie müssen sich ja nicht sofort entscheiden. Vielleicht warten Sie ab, bis sich Ihre Nervosität gelegt hat und melden Sie dann morgen einfach bei mir.“
„Ja, ähm, also, das mach ich.“
„Prima, dann lassen Sie erstmal alles sacken und dann hör ich von Ihnen. Einen Schönen Tag wünsch ich Ihnen.“
„D-d-danke, gleichfalls.“

Als er das Gebäude verließ und er die Tür hinter sich schloss, regnete es Emotionen. Sie schossen wie Pfeile aus dem Nichts in seinen Körper, während er mal weinte, mal lachte und die Welt nicht mehr verstand. „Was ist gerade passiert?“, fragte er sich wiederholt, während er auf sein Auto zuging. Er setzt sich auf den Fahrersitz und wartete. So wollte er nicht fahren. Er wartete. Und er spürte, dass seine inneres Chaos sich langsam zusammenfügte wie ein Puzzle. Und dann floss langsam alles, was seine Anspannungen beherbergte, langsam herunter, einfach herunter. Es sackte in einen Bereich außerhalb seines Selbst und so kamen langsam die Gedanken zurück. Er war langsam wieder da, in der Wirklichkeit, nicht mehr neben sich, sondern da. Und er fühlte sich schon viel lebendiger. Er versank in diesem Gefühl, denn es war fast alles wie vorher.

Im Tagesverlauf ließen seine Anspannung und seine Angst immer mehr nach. Der klare Kopf war wieder intakt. Und er erinnerte sich an das Geschehene: Hat er gesagt, ich sei der Richtige für den Job? Trotz meines Verhaltens? Er hat sich nicht über mich lustig gemacht oder mich wie ein abstoßendes Etwas behandelt, obwohl ich mich in diesem Moment so fühlte?

Der Angsthase wurde so zum Hasen, um bald ein noch größeres Tier zu werden. Und er war dankbar, für die Menschlichkeit, dafür, dass man ihm Würde verlieh.