Der Teufelskreis

Mit unscheinbar stillen Schritten begab er sich auf seinen wöchentlichen Spaziergang durch die noch ruhige Innenstadt. Morgendlicher Dunst und der Geruch des frischen Frühlings ließ seine Sinne hoffnungsvoll werden. Sollte heute denn etwa alles anders sein?

Als er vor dem Schaufenster des Schuhladens stand, musterten seine müden Augen sehr genau die dargebotene Schau. Es dauerte nicht lang, bis ihm auffiel, dass sich nichts geändert hatte. Jeder Schuh stand am selben Platz wie zuvor. Es war alles wie immer.

Fast schleichend begab er sich zum nächsten Schaufenster, das zu einem Musikgeschäft gehörte. Auch hier ließ er seinen Blick umherschweifen, nur um sodann zu erkennen, dass zwar einige Instrumente mehr Staub als zuvor angesammelt hatten, aber ansonsten alles wie immer war.

Sein bisher optimistisch anmutender Herzschlag wurde allmählich langsamer, als er weitere Geschäfte in Augenschein nahm. Doch alles, was er ausmachen konnte, waren dieselben vergilbten Zeitschriften, dieselben angestaubten Holzspielzeuge, dieselben Kleidungsstücke, die er auch zuvor bei seinen Spaziergängen gesehen hatte. Nichts ließ auch nur eine Spur der Bewegung erahnen, nichts war anders und alles war wie immer.

Mit einer fast schon als leblos zu bezeichnenden Körperhaltung setzte er sich auf die nächste Bank. Sein Kopf zeigte in Richtung des Bodens, er schien nachdenklich. Um ihn herum ein erstes Treiben, erste Lebenszeichen von weiteren Spaziergängern oder Leuten, die andere Ziele verfolgten.

Er griff wie in Zeitlupe schon in die Innentasche seines Mantels, um einen schweren metallischen Gegenstand hervorzuholen, den er vor sich hielt und betrachtete wie einen Schatz. Dabei fuhr er vorsichtig mit seinen Fingern über das kalte Material. Nach einem kapitulierenden Seufzer hielt er sich den Gegenstand an die Schläfe, während er langsam seine nun noch müderen Augen schloss. „Alles wie immer“, waren seine letzten Worte des Flüsterns, bevor er abdrückte und der Knall die gesamte Innenstadt für sich beanspruchte.

Nahezu zeitgleich blieben die wenigen Passanten mit einem leichten Zucken stehen, um in die Richtung des Elends zu blicken – aber nur für einen Moment. Denn kurz darauf drehten sie sich weg und gingen wieder ihren gewohnten Gang. Dann war für sie wieder alles wie immer. Alles wie immer.