2020

Lieber Gott,

hier ist Marla. Du weißt schon: die Zwölfjährige, die dich neuerdings jeden Tag mit Gebeten nervt. Ich schreibe dir jetzt mal einen Brief, weil ich verzweifelt bin und deine Hilfe brauche. Eigentlich braucht die ganze Welt deine Hilfe. Es ist vieles geschehen, was ich nicht verstehe. Ich brauche dich. Wir alle brauchen dich.

Das Jahr fing harmlos an. Alles war gut, alles war wie immer. Doch dann war alles anders. Die Menschen wurden anders. Sogar meine Familie und besten Freunde. Niemand ist mehr wiederzuerkennen. Tut irgendwie weh, die Menschen so zu sehen.

Erst hatten alle eine riesige Angst. Ich auch. Wir wussten ja nicht, was da kam und wie schlimm das werden könnte. Aber mein Papa ist ja Arzt und hat immer wieder gesagt, wir sollten Ruhe bewahren. Bis auf Mama haben das erst mal auch alle gemacht: mein Bruder, meine Schwester und ich. Doch Mama ist durchgedreht. Sie hat jeden Tag mehrmals die Nachrichten gesehen und war nur noch am Weinen. Dann hat sie Papa dauernd angeschrien, obwohl der immer ruhig war und ihr immer alles erklärt hat. Aber sie wollte das alles nicht mehr hören. Papa meint, sie wäre seitdem in ihrer eigenen Welt.

Aber dann war auch mein Bruder so. Er hat immer wieder gesagt: „Guck doch, was gesagt wird. Guck doch, das ist alles offiziell. Die würden uns nie belügen!“ Er hat sogar einen Mitschüler verprügelt, weil der sich nicht an alle Regeln gehalten hat. Und weißt du, wie die anderen Schüler und Lehrer reagiert haben? Sie haben ihm gedankt.

Papa war immer ruhig und hat immer wieder gesagt, so schlimm ist die Krankheit gar nicht. Er hat es immer erklärt und gezeigt und ich fand das immer beruhigend. Dann kam die Polizei in seine Arztpraxis, weil er seinen Patienten auch gesagt hat, dass sie ruhig bleiben sollen und es nicht so schlimm ist, wie man immer sagt. Die Polizei hat ihm gesagt, er verliert deshalb vielleicht seinen Job. Ich bete, dass er weiter Arzt bleiben darf.

Meine Schwester ist erst vier und denkt, jeder Mensch da draußen ist krank oder böse. Es bricht mir das Herz. Sie hat abgenommen, weil sie Angst hat, dass das Essen vergiftet ist. Mama sagt, das ist normal. Und wenn Papa meine Schwester beruhigen will, wird er von Mama angeschrien. Er hat mir erklärt, dass alles, was kleine Kinder in dem Alter lernen, großen Einfluss auf ihr späteres Leben haben wird. Und das macht mich traurig. Weil es gerade bestimmt viele Kinder auf der Welt gibt, die so aufwachsen. Lieber Gott, ich bete seitdem jeden Tag für meine kleine Schwester und für alle Kinder auf der Welt.

In meiner Familie wird nur noch gestritten. Wir sind gar nicht mehr zusammen. Und irgendwie hassen alle nur noch meinen Papa. Ich weiß nicht, warum. Ich kapier das nicht. Er auch nicht. Er hat sogar mal gesagt, es wäre vielleicht besser, wenn er weg wäre. Manchmal umarmen wir uns und weinen zusammen. Alle sagen, Papa ist verrückt. Langsam glaub ich aber, alle anderen sind verrückt geworden und merken das gar nicht mehr. Papa ist nämlich wie immer.

Ich hab das Gefühl, dass keine Liebe mehr da ist und dass sich die Leute nur noch streiten oder aus dem Weg gehen. Ich weiß, ich bete erst zu dir, seitdem das Ganze angefangen hat. Tut mir leid. Ich mach es wieder gut. Ich tu alles, was du willst. Nur bitte mach, dass es aufhört. Ich weiß nicht, was ich sonst machen soll.

Ich weiß, dass viele Menschen krank sind und dass auch Menschen sterben. Das ist schlimm. Und ich bete auch für sie. Aber ich finde nicht, dass wir deshalb alle verrückt werden sollten. Papa denkt das auch und deshalb hassen ihn alle. Ich will nicht auch gehasst werden, deshalb bin ich ganz still und sage nichts mehr. Ob andere das auch tun? Sich verschließen und hoffen, dass bald alles vorbei ist?

Lieber Gott, wenn du da oben irgendwo bist: Bitte hilf uns! Bring die Liebe zurück! Ich werde auch weiter für alle Menschen beten.

Deine Marla

P.S.: Ich wünschte, ich wär jetzt bei dir…