Hass

Einst gab es einen König, der über ein kleines und friedvolles Reich herrschte. Beim Volke war er stets beliebt, charismatisch wie er war. Er hatte die Gabe, die Ordnung und den Frieden im Reich dauerhaft zu wahren. Für dieses Geschenk dankten ihm seine Untertanen mit unbändigem Vertrauen.

Einmal in der Woche zeigte sich der König seinem Volk, um eine Rede zu halten, die zumeist mit großer Neugier aufgenommen wurde. Denn an diesen Tagen erzählte er davon, was ihm seine Boten über die restliche Welt an Neuigkeiten zu berichten hatten. Auch erzählte er aus seinem eigenen Leben, von seinen Abenteuern, die er auf der Welt erlebte, bevor er zum König wurde. So war er nicht nur ein Herrscher, sondern auch ein Aufklärer.

Das Volk war äußerst dankbar für das selbstloses Handeln ihres Herrschers. Es erfuhr, wie gefährlich und düster die Welt jenseits der Grenzen war. Der König sprach von grausamen Gestalten, ständigen Kriegen und Konflikten und wahrlich boshaften Wesen, die nur darauf warteten, einen weiteren Menschen in ihre Klauen zu bekommen, um ihn zu töten oder gar zu verspeisen. Der Träger der Krone selbst und auch seine Boten hatten schon viele unheimliche Begegnung, die sie nur knapp überleben konnten. Deshalb empfahl er immer wieder, das Reich unter keinen Umständen zu verlassen. Die Gefahr war einfach zu groß. Und dank seiner Warnungen dachte auch niemand auch nur im Traum daran, dieses wunderbare Reich zu verlassen.

Und jedes Mal, wenn der König mit seiner Rede fertig war, schloss er mit den Worten: „Denkt daran: Was ich Euch sage, das ist wahr!“, und das Publikum dankte ihm und seinen mutigen Boten mit lautstarkem Applaus.

Nach einiger Zeit kam eine junge Bewohnerin auf einen bemerkenswerten Gedanken: Die Kunde des Königs ist jedes Mal so aufregend, dass mich die Abenteuerlust packt. Ich möchte das alles mit eigenen Augen sehen, möge es noch so gefährlich sein.

So bereitete sie sich mit voller Entschlossenheit auf die aufregendste Reise ihres Lebens vor, indem sie sich im Kampf trainierte, Proviant einpackte, ihr Ross nahm und die Mauern des Reichs verließ. Manche ihrer Mitmenschen waren zwar von ihrem Mut recht angetan, andere bezeichneten sie dagegen als lebensmüde – doch nur wenige glaubten daran, dass sie es tatsächlich jemals zurückschaffen würde. Denn sie wussten ja, welch grausame Wesen hinter den Mauern auf sie warteten.

Einige Jahre vergingen.

Die Abenteurerin war fast schon in Vergessenheit geraten, als wider Erwarten ein Wunder geschah: Sie kehrte tatsächlich heil zurück – und mit ihr und ihrem Ross ein Karren, der schwer beladen war. Die gezeichnete Heldin begab sich trotz ihrer sichtlichen Erschöpfung auf den Marktplatz, um ihre Erfahrungen mit dem Volk zu teilen. Auch der König erfuhr von ihrer Rückkehr und beobachtete das Geschehen mit Gelassenheit aus der Ferne.

Als sich die Menge um sie herum versammelte, kippte die Frau den Karren aus. Lauter Bücher, Dokumente und Schriftrollen fielen auf den Boden.
Sie atmete tief ein und begann zu sprechen:„Wertes Volk, ich habe die ganze Welt bereist. Ich war so angetan von den Berichten unserer Majestät, dass ich es mit eigenen Augen sehen wollte. Ihr findet hier auf dem Boden alles, was ihr wissen müsst – nämlich, dass unser König nichts weiter ist als ein Scharlatan! Er hat uns die ganze Zeit nur belogen! Es gibt dort draußen keine grausamen Monster, die Menschen fressen. Es sind alles lügen! Dies hier sind die Belege, die beweisen, dass er uns alle mit jeder Silbe betrogen hat. Seht es euch an!“ Dann deutete sie auf den Berg von Schriften.

Erst war die Menge einen Moment völlig still.
Dann rief ein Mann: „Du lügst! Unser König würde uns niemals belügen!“ Er schaute sich um und die Menge nickte.
„Genau!“ Hast du etwa vergessen, was er uns immer wieder sagt? Was ich Euch sage, das ist wahr! Also glauben wir dir nicht.“, rief eine Frau.
„Aber seht doch, es steht hier alles geschrieben, sogar mit den Siegeln der anderen Könige, die ich traf.“

Ein Raunen ging durch die Menge, das immer lauter wurde, bis ein wütender Mann rief: „Jetzt ist Schluss mit diesem Schwachsinn! Der Teufel hat Wohl Besitz von dir ergriffen! Wir sollten all das Teufelswerk, das sie dabei hat, verbrennen, damit das Böse nicht auch uns befällt.“
So traten einige Männer an den Stapel aus Büchern und entzündete ihn, bis jedes einzelne Stück Papier in Flammen stand. Die Abenteurerin machte sich vergeblich Mühe, ihre Mitbringsel zu verteidigen, als sie von einer Gruppe festgehalten wurde.
Verzweifelt rief sie: „Nein! Ich verstehe nicht! Die Welt da draußen ist gar nicht gefährlich! Ich kam doch zurück, an einem Stück, oder etwa nicht?“
Doch die Meute hörte gar nicht mehr zu, als sie mit Zufriedenheit auf den brennenden Haufen schaute. In der Ferne grinste der König.

Die Menschenmenge wartete in stiller Genugtuung, bis das Feuer erlosch. Dann löste sich die Versammlung allmählich auf und alles ging wieder seinen gewohnten Gang, so als wäre nie etwas geschehen. Übrig blieb nur noch ein Haufen Asche – und die junge Frau, die neben ihm auf dem Boden kniete und weinte.

Da näherte sich ihr der König, der seine Hand auf ihre Schulter legte. „Was hast du denn erwartet, mein Kind?“
„Um ehrlich zu sein, dass sie alle es lesen und wir Euch stürzen!“, rief sie mit zorniger Miene.
„Dachtest du wirklich, es würde so einfach sein? Ein Haufen Papier ist machtlos gegen den eisernen Willen, die gewohnte Ordnung mit allen Mitteln zu verteidigen. Ein Volk zu täuschen, mag nicht gerade ehrenhaft sein, aber ihre Illusion zu zerstören, ist noch viel, viel schlimmer. Hast du das nicht gerade am eigenen Leibe erfahren?“

Der König kehrte mit langsamen und selbstbewussten Schritten zu seinem Schloss zurück. Die Frau wurde an jenem Tag das letzte Mal gesehen. Und das Volk – es verlor kein Wort mehr über das, was geschehen war.